Ich bin alleine, aber keinesfalls einsam

10.5.15

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Ich sitze alleine in dem Raum, es war mucksmäuschenstill. Nicht einmal das Ticken einer Uhr könnte diese Stille durchbrechen, denn ich kam noch nicht dazu, die passenden Batterien zu besorgen. Nachdem mein Vater die letzten Möbel aufgebaut hatte, machte er sich auf dem Heimweg. Meine Familie und Freunde, alles mir bekannte, waren nun einhundert fünfzig Kilometer entfernt. Ich befinde mich in keiner Großstadt, ganz im Gegenteil. Hier war es nach Anbruch der Dunkelheit so ruhig auf den Straßen, dass man problemlos nach einer Party auf dem Fahrstreifen in der Mitte laufen kann. Selbst eine Stecknadel würde man auf dem Boden fallen hören.

Um ehrlich zu sein ist mir diese quälende Ruhe noch immer etwas unangenehm. Wenn man alleine lebt, dann kann man nicht so einfach mit jemanden quatschen oder ihm Gesellschaft leisten. Oder eher jemand dir Gesellschaft leisten. Stattdessen läuft bei mir nonstop Musik oder ich greife nach dem Telefon. Wenn man achtzehn Jahre lang nichts anderes gewöhnt ist, dann ist das wohl nicht verwunderlich. Selbst den Glockenschlag der Kirchturmuhr, der mich zu Beginn tierisch genervt hatte, vermisse ich inzwischen. Aber mit der Zeit habe ich wohl gelernt ganz gut damit klar zukommen. Ja, ich bin alleine, aber ich bin keinesfalls einsam. Es besteht sehr wohl ein Unterschied darin. Denn auch wenn ich nicht permanent jemanden um mich herum habe, weiß ich, dass es durchaus genug Menschen in meinem Leben gibt, die dieses bereichern. Du brauchst niemanden, der dir den Tag versüßen muss. Niemand sollte für dein Glück verantwortlich sein, außer du selbst. Keiner hat das Recht so viel Einfluss auf dich ausüben, dass du nicht ohne ihn glücklich bist und werden kannst.

Stets bin ich nach dem Schema gegangen, dass Liebe, Freundschaft und Karriere im Einklang sein muss, um mit sich selbst im Einklang zu sein. Die goldene Mitte ist das Ziel, in der sich all diese Bereiche treffen. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Viel komplizierter, alles komplexer. Besonders fehlt mir eine Kategorie, nämlich das Ich. Es ist doch viel wichtiger, dass man auch noch lernt, seine eigene Gesellschaft zu genießen. Sich seinen Gedanken und Wohlbefinden zu widmen und den Fokus auch einmal auf sich selbst zu richten. Auch gut damit leben zu können, wenn man die Menschen, die man liebt, nicht immer in der unmittelbaren Nähe zu haben. Ich glaube sehr wohl, dass das zum Erwachsen werden dazu gehört. Nicht unbedingt auf jemanden angewiesen zu sein. Kraft aus dem Alleinsein schöpfen. Sich mit nur sich selbst wohl zu fühlen.

Ich denke, man sollte es erkennen und wird es im Laufe der Jahre auch. Einfach zu wissen, dass man nicht allein sein muss, aber allein sein kann. Natürlich ohne sich dabei einsam zu fühlen. Inzwischen ist über ein halbes Jahr vergangen und ich schätze nun die Zeit, die ich nach einem langen Uni Tag habe. Stunden ohne großes Tamtam. Stunden für mich. Was aber nicht heißt, dass ich den Regen in der Nacht oder das Ticken der Uhr nicht doch angenehmer finde als die absolute Stille.

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2 Gedanken

  1. Ich liebe diese Sonntage, an denen es so fast absolut still ist! Kein Geräusch der Autos, nur Vogelgezwitscher! Ich genieße Abends auch die Ruhe so ganz alleine. Obwohl ich nie richtig alleine bin, schon wegen meinem Sohn.
    Aber auch wenn ich "kindfrei" habe, ist es schön! Keiner der ständig plappert! :)
    Aber sicher, wenn man immer gewohnt ist jemanden um sich zu haben, oder einfach nicht der Mensch für Ruhe ist, dann ist das sicher schwierig.

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  2. Schau mal auf unserem Blogger-Kollektiv vactum.com vorbei.
    Dort ist niemand alleine ;)

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Schon im Voraus: danke für den Kommentar :*

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